Sternmarsch durch den Bezirk am ersten Tag des Streik-Triathlons

Lehrkräfte im Arbeitskampf

Sternmarsch durch den Bezirk am ersten Tag des Streik-Triathlons

Noch bis Donnerstag hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin zu einem Warnstreik für kleinere Klassen aufgerufen. In Marzahn-Hellersdorf nahmen am Dienstag etwa 60 tarifbeschäftigte Lehrkräfte und Sozialpädagog:innen an einem Sternmarsch durch den Bezirk teil. Heute zieht eine Großdemonstration von der Senatsbildungsverwaltung zum Roten Rathaus, ehe es am Donnerstag zur zentralen Streikversammlung im Mauerpark geht. 

Das Anliegen ist bekannt: Seit Juni 2021 fordert die GEW einen „Tarifvertrag Gesundheitsschutz“, der das zahlenmäßige Verhältnis von Lehrkräften zu Schüler:innen in den Klassen verbindlich regelt. Seither wurden mehrfach Warnstreiks organisiert. Der jüngste Ausstand ist mit drei Tagen auch der längste. Weil die Arbeitsniederlegungen diesmal in die Prüfungszeit fallen, wurde die Kritik an der GEW zuletzt lauter.

 

Senat sieht keine Möglichkeit für Sondertarifvertrag

Doch es gibt auch Unterstützung – etwa vom Landeselternausschuss und auch aus der Politik: Begleitet hat den Sternmarsch in Marzahn-Hellersdorf der Vorsitzende der Linksfraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, Bjoern Tielebein. Kleinere Klassen seien eine richtige Forderung und eine wichtige Perspektive, erklärt er. „Sie bedeuten bessere Bildungschancen für die Kinder und Jugendlichen und gesündere Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte, Erzieher:innen und weitere Pädagog:innen.“

 

Doch der Senat sieht derzeit keine Möglichkeit, der GEW-Forderung nachzukommen. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und Finanzsenator Stefan Evers (beide CDU) hatten im Vorfeld des Streiks darauf verwiesen, dass Berlin der Tarifgemeinschaft der Länder angehöre und keinen Alleingang unternehmen könne. Zudem stünden der Lehrkräftemangel und fehlende Schulplätze den kleineren Klassen entgegen. 

 

 

Viele Klassen am Limit

Allen Streikenden sei bewusst, dass das Vorhaben nicht von heute auf morgen umsetzbar sei, stellt Thomas Bauer klar. Er ist Bezirksvorsitzender der GEW Marzahn-Hellersdorf und unterrichtet am Biesdorfer Otto-Nagel-Gymnasium Sport, Geografie, Wirtschaft und Politik. Aktuell gehe es vor allem darum, noch größere Klassen zu verhindern. „Ich glaube, es gibt hier keine Grundschule mehr mit weniger als 27 Schüler:innen pro Klasse“, so Bauer. Auch viele Gymnasialklassen seien am Limit. Immer häufiger werde die Maximalgröße von 32 überschritten. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden. „Wir sprechen hier von einem langfristigen Projekt, von einer Perspektive. Die Senatsverwaltung muss endlich ihre Hausaufgaben machen, die Lehrer:innenbildung wirklich vorantreiben und mit uns über den Tarifvertrag verhandeln, selbst wenn alles erst in einigen Jahren wirksam wird“, so Bauer. 

 

Auch Bjoern Tielebein erwartet vom Senat, dass dieser die Verhandlungen mit der GEW aufnimmt. „Es sind berechtigte Forderungen und da ist es das Mindeste, dass man miteinander redet und verhandelt.“ Thomas Bauer sagt, er würde die Bildungssenatorin gern daran erinnern, dass sie vor den Wahlen als bildungspolitische Sprecherin der damals noch oppositionellen CDU-Fraktion erklärt habe, der rot-grün-rote Senat müsse das Anliegen der Pädagog:innen und Eltern endlich ernst nehmen.

 

Im Garten des Schüler:innenklubs „Treppenhaus“ gegenüber dem Otto-Nagel-Gymnasium, wo nach dem Demonstrationszug durch Marzahn-Hellersdorf am Dienstagvormittag Bratwürste gegrillt, Gespräche geführt und Plakate gestaltet werden, steht Susanne Reich mit einigen Kolleg:innen zusammen. Die Leiterin der Konrad-Wachsmann-Oberschule ist genervt. Ihre ISS gehört zu den ausgewählten Schulen, die ihre siebten Klassen aufstocken müssen, weil es noch immer 22 Kinder im Bezirk gebe, deren Erst-, Zweit- und Drittwunsch nicht berücksichtigt werden konnte. „Wir müssen Schüler:innen aufnehmen, die gar nicht zu uns wollen.“ Da sei Ärger vorprogrammiert. „Die Motivation der Kinder ist im Keller und die Eltern machen Stress.“

 

 

Wegfall der Steuerung – Ende der Verteilungsgerechtigkeit

Mit Unverständnis und Entsetzen haben zudem viele Streikende in Marzahn-Hellersdorf die Entscheidung der Senatsbildungsverwaltung aufgenommen, mit sofortiger Wirkung auf die gleichmäßige Steuerung der Lehrkräfteverteilung zu verzichten. Damit soll verhindert werden, dass potenzielle Bewerber:innen nicht gegen ihren Willen an wenig nachgefragte Schulen gelenkt werden und womöglich in ein anderes Bundesland wechseln. Aber: „Für unsere Region ist das eine Katastrophe. Wir haben offene Briefe dazu geschrieben – sowohl die GEW als auch der Personalrat“, bemerkt Franziska Fröhlich von der Schule am Rosenhain. „Diese Entscheidung kostet uns locker 100 weitere offenen Stellen“, sagt sie. Einige Pädagog:innen, die kurz vor der Vertragsunterzeichnung standen, hätten nach Verkündung der Kehrtwende bereits einen Rückzieher gemacht. Kaum jemand wolle in den nach wie vor mit einem enormen Negativ-Image behafteten Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Und je höher Personalnotstand und Belastung würden, desto geringer sei der Wunsch, hier zu arbeiten. „Wir merken das in den Lehrer:innen-Castings immer wieder“, berichtet Thomas Bauer.

 

 

„Todesstoß für das Bildungssystem in Marzahn-Hellersdorf“

Der Personalrat des Bezirks warnt in einem Schreiben an den Senat: „Wenn die Region Marzahn-Hellersdorf zu Beginn des kommenden Schuljahres zwischen 200 und 300 unbesetzte Stellen haben wird und darüber hinaus einen sehr hohen Anteil an nicht (voll) ausgebildetem Personal, dann wird die daraus resultierende Last nicht mehr zu bewältigen sein.“

Mit einer gewissen Steuerung habe der aktuelle Bedarf bei etwa 450 Vollzeitäquivalenten gelegen, nun werde er auf über 550 ansteigen. „Aus eigener Kraft konnten/können wir im günstigen Fall bis ca. 80 ausgebildete Lehrkräfte einstellen.“ Also müsse erneut auf nicht voll ausgebildete Studierende und Akademiker:innen zurückgegriffen werden. Die Folge: An den Grundschulen werden die Stundenpläne weiter eingekürzt und an den weiterführenden Schulen falle noch mehr Unterricht aus. Die GEW spricht vom „Todesstoß für das Bildungssystem in Marzahn-Hellersdorf“.

 

Was Schulleiterin Susanne Reich auf die Palme bringt: „Es wollen eh kaum Leute in den Bezirk und dann werden uns auch noch Steine in den Weg gelegt.“ Sie hatte eine verbeamtete 60-jährige Lehrerin aus Bremen an der Angel. Doch aus der Einstellung wird nichts. „Da geht es wirklich nur ums Geld, weil Berlin nicht die Pensionsansprüche übernehmen möchte.“ Aktuell fehlen der Konrad-Wachsmann-Oberschule noch sechs bis acht Vollzeitkräfte. Nächste Woche hat Susanne Reich eine Videokonferenz mit einem Bewerber aus Athen. „Ich lasse nichts unversucht.“